Amanda Lears: Warum Eifersucht keine Schwäche ist

Neumodische Konzepte wie Polyamorie, Polygamie, offene Liebe usw. proklamieren für sich stets frei und unbefangen mit dem Bedürfnis nach Sex und Austausch mit Dritten zu sein. Klar, es geht ja darum, hat man sich in solch einem Modell eingerichtet. Es geht in erster Linie darum „frei zu sein“, was auch immer das heißen mag, denn es ist ja so, dass diese Bedeutung dennoch von zwei Menschen ausgestaltet werden muss und zwar ganz praktisch. Es ist mir in meinem Leben in offener Beziehungsform seit 2014 oft untergekommen, dass Eifersucht nicht gern gesehen wird. In Kreisen in denen etwas freier mit der Liebe umgegangen wird, gilt Eifersucht als Schwäche, als Makel, als etwas, dass gern unter den Teppich gekehrt wird, weil es als emotionale Inkompetenz bezeichnet wird.  Auch in spirituellen Kreisen hört man das oft. Man könne das Gefühl der Eifersucht doch einfach auch transzendieren, also so umwandeln, dass es sich in Selbstreflexion und Erkenntnis quasi auflöst. Ja, genau. Das sagen nur Menschen, die noch nie wirklich Stress mit Eifersucht hatte. Denn ich sage: Jeder Mensch empfindet Eifersucht mal mehr oder weniger stark ausgeprägt. Es ist ein völlig normales Gefühl und die Existenz dessen steht diametral zu etwaigen Annahmen, in der Szene der offen Liebenden.

Es sind Behauptungen die einfach null Komma null praxistauglich sind, ganz einfach, weil wir alle a) in der Regeln NICHT erleuchtet und Buddha sind und b) auch einen giftigen Effekt ausüben, der das Gegenüber u.U. böse manipulieren kann:

Diese Annahmen korrumpieren die Bedürfnisse der Protagonisten in Beziehungen von vorn herein auf ganz intelligente Art und Weise!

Es ist ein Fallstrick auf dem Weg in eine freie Beziehungsform und deshalb schreibe ich über diese Art von Fußangel. Nicht wenige stolpern darüber.

Warum sind diese Annahmen ein Fallstrick in offenen Beziehungen? 

Ich vertrete die radikale und total bekloppte Idee ALLES zuzulassen in Beziehungen was DA ist. Das heißt: ALLE sexuellen Wünsche, alles was Lust macht, alles was man braucht sollte Raum haben. Es gilt nichts mehr zurück zu halten voreinander und ALLES zu teilen, sich ganz zuzumuten und das eben auch in seinen Schattenseiten. Total verrückt, ich weiß, schon fast noch bekloppter als eine offene Beziehung (kleiner Scherz am Rande).

Ich bin selbst nicht dermaßen eifersüchtig. Das ist einfach meine Grundeinstellung, so bin ich wahrscheinlich auf die Welt gekommen. Ich habe persönlich kein Problem damit, wenn mein Partner mit jemandem anderen spricht, sich trifft, in den Urlaub fährt oder auch sexuelle Erlebnisse teilt. Ich kann auch dabei zuschauen und Freude daran finden. Das ist möglich. Das kann möglich sein, wenn gewisse Komponenten zwischen mir und meinem Partner stimmen. Womit das Ganze zu tun hat, erkläre ich später. Dazu sind nämlich ein paar Dinge notwendig, wie gesagt ich gehöre nicht zum Kreis der Erleuchteten. Also NOCH nicht J

Was muss dafür unbedingt stimmen und welche Fragen sollte man sich dazu in erster Linie gestellt haben, will man eine Freiheit wie diese erleben, wenn man sie denn so nennen will?

Ich behaupte nämlich einmal ganz kühn: Eifersucht, lässt sich bei aller Theroretisiererei und aller Selbstreflexion (die in polygamen Kreisen jetzt auch nicht überdurchschnittlich höher ist als bei den monogamen Menschen – polygame haben nur mehr Tricks sich selbst zu bescheißen …) nicht wegtherapieren! Ist so. Punkt!

Ich finde es sehr wichtig, dass einmal auf den Punkt zu bringen, um einfach mit dieser Mär aufzuräumen, dass so etwas wie Eifersucht nicht sein darf in offenen Beziehungen. Schon alleine deshalb, weil für mich das Wort „offen“ bedeutet: Es ist einfach freier und offener hier, hier ist mehr Platz und mehr Raum für alles was zwischen uns stattfindet, so bin ich auch OFFEN für DEINE Gefühle und zwar für alle! Auch für die, die ich selbst nicht so gut finde oder die eben Probleme nach sich ziehen.

Hier ein paar Punkte, die meine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Warum Eifersucht in offenen Beziehungen ihren Platz haben sollte“ unterstützen:

  • Gefühle lassen sich überhaupt nicht steuern. Sie lassen sich auch nicht weg-rationalisieren durch schlaue Theorien oder Argumente. Gefühle entstehen nämlich da im Gehirn wo die Ratio jetzt nicht unbedingt so viel zu melden hat. Der Reflex des permanenten infrage Stellens des Gefühls der Eifersucht ist nur ein weiterer krampfhafter emotionaler Angstreflex auf die Chance sich einmal ernsthaft auseinander zu setzen damit, denn sie lehrt uns einiges über den anderen. Etwas was uns unseren Partner auch näherbringen kann und sollte. Eifersucht ist etwas sehr Berechtigtes in offenen Beziehungen und sollte wertschätzend und mit Achtung behandelt und ernst genommen werden. Schließlich geht es meinem Partner nicht gut und das ist ja nicht in meinem Sinne, als Mensch der ihn liebt und annimmt, wie er ist. Davon sollte mal ausgegangen werden.
  • Der Mensch den ich liebe, soll so sein wie er ist!

Und das heißt auch: Auch mit Eifersucht. Ich will mich doch meinem Partner ganz öffnen und ich möchte auch, dass der das tut. Was wäre schlimmer als zu sagen: „Aber du darfst keine Eifersucht empfinden, wenn ich mit wem anderen schlafe!“ So sagt das keiner, aber es schwingt manchmal ganz leise im Subtext mit, wenn die Annahme ist, dass Eifersucht eine Schwäche ist. Das ist eine Abwertung, niemand möchte schwach sein. Oder gar sich als schwach erleben. Diese Annahme führt dazu, dass jeder Austausch bei dem es um nicht so willkommene Gefühle geht, erstickt wird und das geht nicht! Die Offenheit sollte auch gegenüber den eigenen und den Gefühlen des Partners bestehen. Sorry, aber sonst kann du deine „offene Beziehung“ und alle schönen Annehmlichkeiten dabei voll und total tutti kompletti in die Tonne hauen. Das ist nämlich emotionale Vorschule und dann sollte man lieber wieder zurück in die Komfortzone einer sichereren monogamen Beziehung und lernen, wie man offen mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen umgeht. UND: Diese auch kommuniziert. Doppeltes Ausrufezeichen!

  • Ich fühle mich minderwertig, wenn ich eifersüchtig fühle.

Sorry, noch einmal: Gefühle lassen sich überhaupt nicht kontrollieren. Das ist das grundlegende Modell, warum man seine Beziehung öffnet: Eben, weil mal davon ausgeht, dass man nicht steuern kann und möchte, ob man sich gleich blitzverliebt oder eben auf jemanden Dritten sexuell Lust hat. Genau. Und genauso wenig wie sich das steuern lässt, lässt sich auch so was wie Eifersucht steuern. Man könnte auch das Blitzverlieben und Lust-haben zerreden und als Schwäche deklarieren, die Moral tut nichts anderes! Sie sagt es sei schwach diesen animalischen Impulsen nachzugehen. Ohhhhhh, da wird aber gezetert in den polygamen Kreisen. Ja. Merkt ihr was? Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Menschen die mich kennen wissen, dass ich das blicke, da muss man deutlich früher aufstehen, um mir so was weiß zu machen. Früher, als ich noch etwas unerfahrener war, habe ich es geglaubt und damit hantiert. Bis man selbst einmal ganz böse eifersüchtig wird, dann sieht man das nämlich anders und versteht auf ganz schmerzhafte Art und Weise, das das gar nicht so einfach wegzuatmen ist. Und das ist ok so! Das darf so sein!

  • „Du bist für deine Gefühle selbst verantwortlich“

Das wird immer der Argument Nummer eins angeführt, fremdgehen zu können. Weil Eifersucht ja „NUR“ ein Gefühl des anderen ist und dafür ist ja der verantwortlich, der es hat. Genau, das ist richtig. Aber aus diesem Leitsatz wird ganz ganz oft ein „Dann werde auch alleine damit fertig!“ gemacht. Und das ist eben das was eine liebevolle offene Beziehung nicht ist: Ein Ort in dem man mit den Problemen und Gefühlen des anderen in Ruhe gelassen wird! Dann verkommt die Beziehung leider zu einer Oase der Geiselung, der Qual und der Ego-Boosterei. Leider ist das in vielen Beziehungen der Fall. Und daran scheitert es auch. Auch schon in geschlossenen mongamen Varianten ist das ein Problem. Es ist eine Sache aus der eigenen Eifersucht ein Drama zu stricken und zu sagen: „DU bist Schuld daran, dass ich mich so fühle!“– denn nein – diese Logik gilt nicht. Sorry. Für die eigenen Gefühle ist immer der verantwortlich bei dem sie entstehen, ja! Aber. Da gibt es ein ganz ganz großes ABER, damit ist die Sache noch nicht vom Tisch! Denn wir sind ja wie gesagt in Beziehungen nicht alleine. Sondern zu zweit, also mindestens.

  • Der Schatten-Anteil in offenen Beziehungen

Wenn Eifersucht wegrationalisiert (also so versachlicht wird, dass man das Gefühl nicht mehr fühlen, sondern eher denken muss) wird, entwickeln wir einen Schatten, den der andere ausleben muss. Ganz automatisch und ist ein Naturgesetz. Alles was unterdrückt wird, kommt an anderer Stelle zum Vorschein. Es ist ein Trugschluss, dass wir alle komplett davon befreit sind. Und eben wie es ein Trugschluss ist, nie Eifersucht zu fühlen ist es ein Trugschluss, dass dieses Gefühl einfach verschwindet, wenn man es unter den Teppich kehrt oder einander damit allein lässt. Einen Schatten entwickeln bedeutet, dass man immer Anteile hat in sich, in der eigenen Psyche, die man einfach nicht gern anschaut. Das sind meist negative Annahmen über sich selbst die dann negative Gefühle in den entsprechenden Schlüssel-Situationen hervorrufen – eben triggern und wir beginnen etwas das man PROJEKTION dieser ungeliebten, nicht versöhnlichen Anteile nennt. Wir übertragen sie auf einen anderen, meist den Partner. Das Ergebnis kann sein, dass man meint völlig frei von Eifersucht zu sein, mit jemandem anderen ein Sex-Date hat und im Vorfeld oder hinterher, dem anderen unterstellt aber Eifersucht zu empfinden. Oder man muss gewisse Dinge heimlich tun, aus Angst der andere sei eifersüchtig. Man versteckt, hält etwas in der Deckung, geht fremd, „weil ja der andere nicht damit klarkommen würde“. Das liebe Leute ist einen Schattenanteil von sich zu leben und auch auszulagern. Man hat ein Thema und das wird ausgelagert, auf den anderen übertragen, so hat man nichts mehr damit zu tun. Total praktisch… Aber fatal in den Folgen.

Vielleicht hast du Angst vor der Verlustangst deines Partners? Vielleicht hast du selbst riesige Verlustangst, wenn du deine Bedürfnisse lebst und zeigst? Vielleicht hast du Angst vor Ablehnung, und Verlust, wenn du dich offen in deinen Bedürfnissen und Motivationen zeigst? Vielleicht fühlst du dich unsicher im Äußern deiner Bedürfnisse und musst dir deine Heimlichtuerei irgendwie intelligent rechtfertigen? Das können alles Zeichen dafür sein, dass du einen Schatten lebst und ihn auf deinen Partner projizierst. Dein Partner spiegelt das natürlich. Entweder er wehrt sich irgendwie dagegen und du siehst dich dann in deiner Annahme über deinen Partner erfolgreich bestätigt, dabei agiert der nur deine Projektion aus.

Tricky, was? Ich weiß, deshalb erkläre ich es J Hat lange gedauert, bis ich hinter solche subtilen feinen Phänome in Beziehungen gekommen bin. Und sei dir sicher: Ich bin in alle aber auch ALLE Fallen getappt dabei. Und das tat schweine-weh …

Eifersucht lehrt uns vieles über uns selbst und über unsere Weltsicht. Sie kann uns viele Perspektive eröffnen, wenn man verstanden hat worum es bei ihr im Kern geht. Dazu muss man sich das Gefühl etwas näher anschauen.

Eifersucht setzt sich nämlich aus verschiedenen Gefühlen zusammen: Minderwert, Verlustangst und Neid.

  • Minderwert – es nicht wert zu sein, nicht gut genug, schlechter zu sein als der andere mit dem mein Partner Zeit verbringt. Hier geht es um das Bedürfnis sich geschätzt zu fühlen so wie man ist. Wertschätzung für sich und die eigene Person sind ein völlig normales Bedürfnis und wir suchen in Beziehungen auch danach. Wir suchen nach einem stabilen Selbstwert in Beziehungen. Ob in festen oder losen ist egal, wir wollen unseren Selbstwert hochhalten. Das ist psychisch sehr sehr wichtig, um sich in sich wohl zu fühlen.
  • Verlustangst: Angst den anderen, seine Liebe, Aufmerksamkeit usw. zu verlieren. Hier geht es um Sicherheit und das Bedürfnis nach Vertrauen. Wir brauchen Vertrauen, um keine Angst zu bekommen. (In sich nicht gefestigte Menschen haben sehr viel Verlustangst, die aus früheren kindlichen Erfahrungen des Alleine-Seins stammen. Offene Konzepte sind oft ein Sammelbecken für solche Menschen, die das hier zu kompensieren versuchen.)
  • Neid: Ich bin einfach scheiße neidisch auf die Erlebnisse, die mein Partner da macht. Ich bin nicht dabei, ich habe das nicht, was er gerade hat. Das neide ich. Dahinter steckt das Bedürfnis „etwas emotional zu haben“. Auch vielleicht teilzuhaben und mitzumachen, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen.
  • Fehlendes Vertrauen: Es kann auch sein, dass offenbar wird, dass es weniger Vertrauen in den Partner oder die Partnerschaft gibt, als gemeinhin angenommen. So gilt es sich damit zu beschäftigen, warum das so ist.

Man könnte sich also in Folge dessen, ohne dass ich die oben aufgeführten Punkte näher ausführe, folgende Fragen stellen:

  • Minderwert: Was bedeutet für mich gegenseitige Wertschätzung in meiner Kern-Beziehung? Wann fühle ich mich geschätzt und wann nicht? Was wünsche ich mir da von meinem Partner?
  • Verlustangst: Was brauche ich, um in meiner Beziehung zu vertrauen, wo sind da meine Grenzen, ab wann kann ich das nicht mehr? Wieviel Sicherheit brauche ich dafür, was kann mein Partner tun, um mir ein Gefühl von Sicherheit zu geben? Auf wieviel Sicherheit bin ich bereit zu verzichten, kann ich das? Bedeutet Sex mit Dritten Kontrollverlust für mich? Was brauche ich auch im Bezug darauf? Woraus schöpfe ich Vertrauen in meiner Beziehung? Wie wird mit Absprachen und Vereinbarungen umgegangen? Was sind gemeinsame Werte und Ausrichtungen in der Partnerschaft?
  • Neid: Wie begegne ich Situationen, in denen ich einfach nicht das habe was andere haben? Wie begegne ich einem gefühlten Mangel, wie kommuniziere ich das mit meinem Partner? Gibt es Möglichkeiten ähnliche Erlebnisse mit mir zu erleben, wann kann man das teilen was der Partner mit wem anderes teilt, geht das überhaupt? Manche Paare in offenen Beziehungen reservieren eigene Rituale und Orte exklusiv nur für sich, damit dieses Gefühl seinen Platz bekommt etwas exklusiv nur mit dem Kern-Partner oder primären Partner zu teilen.

Ihr seht wo das Ganze hinläuft. Überraschung! In Kommunikation.

Genau. Es geht darum sich über seine eigenen Bedürfnisse in Beziehungen klar zu werden. Ich brauche eine genaue Gebrauchsanweisung und Landkarte von mir selbst, nur so können auch andere mit mir umgehen. Wir veranstalten immer so was wie leraning by doing in Beziehungen und das ist auch vollkommen normal. Aber es ist sehr wichtig sich selbst gut zu kennen, um sich dann darüber auszutauschen, ob man denn miteinander so überhaupt verfahren kann? Ob man denn so überhaupt zueinander passt? Wo die eigenen Grenzen sind, die es ja durchaus gibt, weil das nur gesund ist! Das weiß man ganz oft gar nicht und wundert sich dann. Der eine hat diesen Grad an Sicherheit nötig und der andere einen anderen. Da hakt es dann schon.

Einem ganz wichtigen Tool kommt dabei eine extrem hohe Bedeutung zu:

Dem Thema der Regeln und Absprachen. Denn nur die schaffen Vertrauen. Und darüber erzähle ich ein anderes Mal.

Bis dahin könnt ihr euch ja mal Gedanken machen über die oben gestellt Fragen. Die gelten übrigens für alle Tierchen da draußen, nicht nur die Poly-Leute. Sehr interessant sich darauf mal näher einzulassen. Es könnte zu mehr Tiefe und Authentizität im eigenen Leben führen. Also könnte, wenn man denn wollte. Ist aber unbequem und hat viel mit Eigenverantwortung zu tun. Man kriegt halt nix geschenkt.

Also, bis demnächst dann mal, seid lieb zueinander, ihr lustigen Menschleins!

Kuss,

eure Amanda

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