Toxisch, Opfer und das X

Wir kennen das. Wer hat das nicht? Wer hat nicht diesen einen Bekannten oder Freund, die/der immer wieder Opfer ist? Es gibt sie überall, Menschen, die sich immer wieder und endlos mit toxischen Partnern verstricken. Opfer können Männer wie Frauen sein, da es sowohl weibliche wie männliche toxische Täter gibt.

Narzissten und ihre Opfer. Sie gehören zusammen. Sie bilden ein System, auch wenn das keiner gerne hört. Das Opfer will das nicht hören, da es sich ja als Opfer sehen muss und der Täter natürlich nicht, da Narzissten natürlich, natürlich immer unabhängig und nie Teil eines Systems sind. Sie doch nicht! Der Andere ja, sie nicht. Da stehen die drüber oder wähnen sich selbst als Opfer, leugnen aber das System an sich.

In Wahrheit sind beide verwickelt. Es sind nämlich immer mindestens zwei und bilden ein Opfer-Täter-Paar. Genau, mindestens, denn hier in diesem Text geht es um das X, die Nummer drei.

Neben dem Paar, dem Toxischen- und dem Opferteil gibt es ja noch eine Außenwelt. Das sind die leidgeprüften Satelliten – Freunde, Bekannten, Arbeitskollegen – die sich die Geschichte anhören müssen immer wieder. Dauerschleife. Willkommen im System, denn, denn – ich weiß, jetzt wird es gemein – sie gehören dazu. Auch sie sind gefangen. Allerdings unterschiedlich sehr.

Schrieb ich anhören „müssen“? Das stimmt nicht ganz oder nur zum Teil. Schaut man genau hin, so ist das Umfeld eines toxischen Paares zwar genervt, doch hören die Freunde, Bekannten, Arbeitskollegen das alles immer wieder an und das auffallend geduldig. Daraus kann man nämlich – so komisch das klingt – eine hohe Befriedigung schöpfen. Es ist absolut primitiv. Gar nicht einfach sich das einzugestehen.

Dieses Leid des Anderen, dieser immer wiederkehrende Fehler, das so nah mitzuerleben und immer und immer wieder vorgekaut und wiederholt bekommt zu bekommen, das hat ja einen Effekt und den immer wieder: Das schöne Gefühl nicht so ein Opfer zu sein. So dämlich verwickelt wie er oder sie, bist du nicht. Das tut gut. Das erhöht.

Da gehört ja einiges zu: Immer wieder die gleichen Erzählungen zu hören, die ein Daueropfer einer toxischen Beziehung zu berichten hat, ist anstrengend. Es geht ja nicht weiter, ist immer wieder die gleiche Leier. Warum tut man sich so etwas an? Gesund ist das nicht. Eigentlich wäre es sowohl für das Opfer wie auch für den Dauerzuhörer und deren Beziehung das Beste einzuräumen, dass jetzt einmal gut sei. „Jetzt ist mal Schluss mit der Schallplatte.“ „Komm einfach mal klar!“ „Ich will es nicht mehr hören.“ „Lass das, es nervt.“ „Du spinnst, repariere dich oder ich bin weg.“ Eine Botschaft dieser Art wäre gut und sauber. Man hätte Raum für schönere Themen und dem Opfer würde signalisiert, dass eine Lösung drängt. Opfer-sein ist keine Lösung.

Aber nein, es wird weiter zugehört und bedauert oder neu mit einer alten Lösung beraten. Es geht überhaupt nicht weiter, Dauerschleife, Dauerschleife! Zwei große Motivationen gibt es da:

Die eine ist der Hilfetrieb. Wo bitte kann man so einfach und unkompliziert in Dauerschleife „helfen“, bei jemandem, der nie stirbt, aber bei dem nie Besserung eintritt? Es ist ein endloses Arbeitsfeld. Wunderbar! Und bei immer gleichem Problem, genügt auch der immer gleiche Beratungsansatz. „Du musst einfach …“, beginnt der Satz zum hundertsten Mal nach geklagtem, längst bekanntem Leid. Ach, wie schön. Wieder kann geholfen werden, auch wenn es nicht hilft.

Menschen mit Hilfetrieb – gemeint ist der übertriebene Hilfetrieb – haben selbst ein Problem und wollen es nicht sehen. Anderen zu helfen immer wieder und bis zur Selbstaufopferung ist die Perfekte Methode eines nicht zu tun: Sein eigenes Problem anzuschauen. Die Methode ist gut und erprobt.

Sie fühlen mit. Das tun sie wirklich. Sie wollen dem Opfer helfen. Wirklich und in echt. Das ist gut gemeint und häufig nicht schlecht. Nur sind sie dummerweise Teil des Systems „toxisches Paar“. Sie sind der verlängerte Arm. Sie stabilisieren das Opfer im Opfer sein als geduldiges Zuhörerlein. So bleibt alles, wie es ist für alle drei.

Die zweite Motivation des Dauerzuhörers und Hilfeanbieters ist das Interesse am Opfer. Selten platonisch, gerne versteckt leiblich. Besonders weibliche Opfer eines Narzissten sind beliebtes Spielfeld für Interessenten der Beta-Kategorie. Für den Interessenten ist es ein Einfaches sich als geduldiger Zuhörer dem Opfer zu nähern und für sie Stütze zu sein. Vorgeblich.

Das ist nicht böse von ihm gemeint, er meint es meist gut und ehrlich und will für das Opfer nur das Beste – hier, dass es sich aus der narzisstischen Umklammerung löst -, aber eigentlich, ganz eigentlich, ist das Opfer das Begehr. Die Ausgangsposition ist ideal: Der hilfreiche, geduldige Freund. Beinahe gefahrlos kann er seinem Ziel nahe sein und helfen, beraten, stützen und zuhören und das immer wieder. Und sich anbieten, da man selbst ja so anders als der böse Narzisst, der Hauptdarsteller des toxischen Paares ist. Die Geschlechter sind hier austauschbar. Es ist nur ein Beispiel und ich wähle es, da diese Geschlechterkonstellation häufiger ist.

Aber auch hier ist es ein System. Auch hier stabilisiert sich gegenseitig. Opfer und Interessent finden aneinander, miteinander Bestätigung. Das Opfer stabilisiert sein Opfersein und kann Selbstwert schöpfen, da jemand anderes Interesse an ihr zeigt. Sie ist also noch wer, doch noch eine Frau die Männer anziehen kann, so schlimm ist es nicht, zeigt er ihr an, der Interessent. Auch wenn der Partner, dieser miese Narzisst das nicht sieht, der Idiot. Vielleicht sieht er es endlich, wenn da der Interessent an meinen Fersen hängt, täuscht sie sich.

Der Interessent wiederum darf in Hoffnung leben. Irgendwann wird sie sich lösen von dem Idioten und zu ihm kommen. Irgendwann wird er belohnt für seine Geduld, die vielen Stunden zuhören, all den guten Rat. Irgendwann … Hoffnung wärmt. Sehr hilfreich hier: Masochismus. Wenn man ein wenig masochistisch ist, wird es lustig im Wortsinn, denn der Schmerz so knapp bei, doch nie im Ziel zu stecken, erzeugt dem Masochisten Lust. So körperlich. All den schönen Schmerz gibt es also gratis dazu.

Spannend ist übrigens auch, dass der Interessent, dieses kleine dritte Rad am Wagen, den Täter, den Narzissten insgeheim bewundert. Der kann ja etwas, was er nicht kann: Er kommt an das Opfer heran. Er liegt mit ihr im Bett, immer wieder! Arschloch oder nicht, er bekommt es hin, wundert der Bewunderer sich und wird in seinem negativen Selbstbild bestätigt. Dieses Toxische verbindet irgendwie und aber auch, spürt er so gar nicht, dass er ebenfalls ein Opfer ist. Wie ich schon sagte, es ist ein System. Täter, Opfer, X.

Wenn du jetzt etwas bedrückt vor diesen Zeilen sitzt, da du dich wiedererkennst und dummerweise bist du weder Opfer noch Narzisst, so lasse den Kopf nicht hängen. Das ist okay. Du hast die einfachste Rolle in diesem Spiel. Für dich ist der Ausstieg ganz leicht. Mache dir klar, dass du dich unter Wert verkaufst. Blinzle und grinse und verstehe – ach so ist das! Deshalb mache ich das! – Und schon hast du gewonnen.

Und dann tue dir den Gefallen und löse dich. Es ist gar nicht so schwer. Du wirst dich wundern, wie simpel es ist. Du musst dich auch nicht von deinem so nützlichen Opfer trennen, überhaupt nicht. Nicht nötig. Sag ihr oder ihm einfach, was du denkst und verbitte dir die Dauerschleife. Mute dir nur so viel an Dauerschleife zu, wie du wirklich willst. Die Verbindung löst sich dann ganz von selbst.

Und für den Hoffnungsvollen Interessenten habe ich den Rat: Nehme dein Lieblings-interesse-opfer einfach einmal anders als freundschaftlich in den Arm. Sei einfach einmal mutig, damit diese elende Hoffnung zerplatzt. Sie hält dich von dem Sinnvollen ab.

Kurzum: Sei nicht Teil eines toxischen Paares. Oder sei es, sei dir aber dessen bewusst. Es wird ihnen helfen, du wirst sehen. Unterschätze deine Rolle nicht, ihr seid ein System.

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