Amanda Lears: Sex wie ein Mann oder: Die Urwunde des Weiblichen

Gierig war ich früher auf der Suche nach Haut und Fleisch. Ich wollte mich sexuell ausleben und mich hineinstürzen in die Abenteuer. So lange Monogamie, da musste mal ein Ausbrechen her, ein Aufbäumen gegen das brave Mädchen in mir. Ich war früher nicht in der Lage so eine gute Verbindung zwischen meinem Schoß und dem Herzen herzustellen. Ich war nicht so gut verdrahtet, könnte man sagen. Es fiel mir schwerer Lust zu empfinden oder mir zu erlauben, mich sexuell für das was passiert auch aufzumachen. Warum? Weil das mit den Ur-Wunden des Weiblichen zu tun hat, was Männlichkeit als Bedrohung wahrnimmt und sich dagegen beginnt zu verschließen.

Die Wunden des Weiblichen katapultieren die Frauen ins Mann-Sein.

Die Tore meines Schoßes waren lange streng bewacht. Es bewachten sie vor allem Moral, Anstand und Angst. Das Zurechtgewiesen werden als Mädchen, was man nun mal unweigerlich erlebt, die Beschämung der eigenen Yoni (Sanskrit für weiblicher Schoß)  gegenüber, ja, dass alles bewirkt ein Verschließen. Der Vater der plötzlich aufhört sich zärtlich und schützend zuzuwenden, einen zu berühren als Tochter, weil man keine fünf mehr ist. Oder die ständigen Doktrinen ein reines sauberes Mädchen zu sein, sich artig und brav zu Verhalten, bloß keine Lust auf sich zu ziehen, dass alles bleibt nicht ohne Spuren in der Sexualität. Warum erleben Frauen so wenig Orgasmen in der Partnerschaft? Weil sie verwundet wurden in ihrem Schoß. Damals als unbedarftes Mädchen wurden wir alle verletzt in unserem Bedürfnis angenommen zu sein. Ob es Ablehnung, sexuelle Übergriffe, Gewalt oder emotionale Verletzungen sind, ob es ein abwesender Vater, Abwertung oder abschätzige Blicke waren, es sind alles Beispiele für die Verletzungen unserer weiblichen Integrität.

So auch das fehlende Vertrauen in den eigenen Körper, sich darin nicht wohl zu fühlen, ihn ständig von außen zu beäugen und zu beurteilen, sich für ihn und seine Empfindungen nicht zu öffnen,  haben seine Ursache in der wenigen Zuwendung als Kind.

Wenn das der Fall ist, und das ist bei allen Frauen der Fall, die sich dem noch nicht AKTIV zugewandt haben dem Thema, versucht eine  Frau, die Sexualität zu leben, wie ein Mann. Weil sie glaubt, dass sei der sicherere Weg.

Ich änderte also unbewusst meine Strategie. Weich und weiblich zu sein ist ja verletzlich und führt nicht zum Ziel. Also war ich forsch, ich war zielgerichtet, ich war eine Jägerin. Ich nahm mir irgendwann einfach was ich wollte, die Männer wachsen für uns Frauen wirklich auf Bäumen (Qualität mal dahingestellt) es ist kein Problem einen Mann zu finden, um mit ihm Sex zu haben als Frau. Um mich wirklich zu entfalten dachte ich, ich müsste das jetzt auch so machen. Hinein in die Welt und auf in den Sex mit vielen unterschiedlichen Männern.

Das interessante dabei war, dass ich mich damit noch mehr verletzt habe, als alles andere und um den Punkt geht es mir.

Wir Frauen glauben eine befreite Sexualität zeige sich durch das dominante Nehmen von Sexpartnern.

Wir glauben oft, gerade in sexuell aufgeschlosseneren Kreisen, dass es einfach das emanzipierte Frau-Sein ist, sich den Mann ranzuholen und wieder wegzustoßen, wie es ihr passt. Wir glauben, dass wir so unsere Wunden heilen könnten, doch  ich behaupte, es ist genau das Gegenteil. Ich lebte offenen Sex, ich erlebte viele Dinge, ich machte einige Erfahrungen, ja. Aber wirkliche heilsame Erlebnisse hatte ich in mir nahen Verbindungen. Der nahe Sex brachte mir viel mehr als der Beliebige. Und das war eine sehr wichtige Erkenntnis. Heilsam kann Sex nur sein, wenn er nah und intim ist. Wenn es emotionale Nähe, Vertrauen und BINDUNG gibt.

Das Nehmen und arrangieren von Sex-Dates, es ist dominant, es ist zielorientiert, jagend und forsch. Das sind alles männliche Attribute. Ich verurteile das nicht, das ist völlig ok, dass man das so lebt. Ich behaupte aber, dass man mit der Haltung eine tiefe weibliche Wunde in sich nähert und vertieft, weil man sich vom Weiblichen abwendet in sich.  Ich habe mich mit dem Arrangieren nie wirklich wohl gefühlt. Es passte nicht zu mir und meiner weichen aufnehmenden Art, die sich mitnehmen lassen, hingeben und fließen will. Und dazu bedarf es auch die Qualität der Auswahl, der Auslese. Eine offene Frau kann nicht mit jedem schlafen. Das geht diametral zu ihrer innewohnenden Ur-Wunde, die sie damit nährt und vertieft.

Das Aufbäumen der sexuellen Kraft, das Aufwachen als Frau, dass man mit dieser Kraft in Verbindung kommt ist etwas ganz Wunderbares. Es ist wunderbar den Sex aktiv gestalten zu wollen. Das funktionale Herangehen ist aber hinderlich daran, wie ich finde. Es reduziert den Partner auf einen Werkzeug zur eigenen Erfüllung, es instrumentalisiert ihn und damit geschieht etwas, was wir beim Sex eigentlich nicht wollen: die Selbstentfremdung. Denn es schneidet einen ganz wichtigen Aspekt des Frauseins ab und das ist das Bedürfnis und die Fähigkeit zur Hingabe. Es ist eine passive Kraft, die sich aktiv äußert im Annehmen, was innerlich passiert und entsteht. Das ist der weibliche Pol, die Anima.  Das ist zart und sanft und ein Aufnehmen der Bedürfnisse in mir und der Welt.

Bin ich beschäftigt mit tausend Dates, mit dem Koordinieren von Sexkontakten, gehe ich vor wie ein Manager, der seine Termine organisiert. 

Das ist einfach männlich, es stärkt den logischen zielorientierten Pol in mir, eben den männlichen. Den Animus.  Und so werde ich auch beim Sex vorgehen:

  • – Zielorientiert („ich muss jetzt kommen…“)
  • – funktional mit mir („bin ich schön, mache ich es gut hier …?“)
  • – und herrschend („ich will oben sein, ich will bestimmen …“).

Ich beäuge mich von außen beurteile wie es zu alles zu sein hat, vergleiche und bin nicht in mir. Ich bin dann nicht mehr spielerisch, leicht und fröhlich.

Ich bin in der Kontrolle. Und um Kontrolle geht es beim befreiten Sex nicht.

Es geht um Hingabe.

Hingabe bedeutet, dass wir uns öffnen. Das wir zulassen was geschieht, dass wir uns hineinfallen lassen und uns ganz darin auflösen, mit unseren Gefühlen verschmelzen. Ekstatisch sind. Ekstase geht nicht mit Kontrolle. Das widerspricht sich grundlegend.

Das Empfangen einer Frau ist ihre größte Stärke. Sie will sich verbinden mit der Welt und das in die Welt gebären was da in ihr ist. Immer wieder neu. Deshalb ist das eine passive sanfte Kraft, die Kraft des Elements des Wassers. Es fließt. Die Archetypen der Hexe, der Kali, der Heilerin, sie stecken alle in uns als Frau. Und unsere Aufgabe ist es diese auf unsere Art in die Welt zu bringen und zu leben. Nicht indem wir es den Männern gleichtun, sondern indem wir es auf unsere eigene Art entstehen lassen was da hinaus will. Was da fließen will. Und das stärkt. Es stärkt sich zu öffnen. Es stärkt sich zu verbinden mit der eigenen weiblichen Kraft und Essenz. Es stärkt sich mitnehmen zu lassen. Der weibliche Pol in uns ist eine sanfte starke Kraft. Wenn wir hingebungsvoll sind, können wir uns in unsere Zustände fallen lassen, wir können aus vollem Herzen weinen oder wütend sein, gerade das, was angesagt ist. Wir können JETZT DA SEIN und ekstatisch sein. Aber wir sind nicht mehr hin und hergerissen.

Wir schöpfen dann aus der Quelle der Einheit in uns und sind mit ihrer Kraft verbunden.

Wir Frauen jedoch bleiben stecken in der so genannten befreiten Sexualität. Wir Frauen haben längst den Sex erobert für uns und wissen wie wir ihn haben wollen. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wir müssen uns wieder öffnen für den männlichen Pol in uns und uns mit ihm verbinden. Ihn als wertvoll integrieren und nicht als bedrohlich behandeln, dann hören wir auf die Kontrolle an uns zu reißen.  Dann können wir einen Mann so lassen wie er ist und uns dafür öffnen was er uns zu geben hat. Wenn wir das Vertrauen finden, wenn wir verwurzelt sind in uns selbst, wenn wir Verbindung haben. Dann werden unsere weiblichen Wunden Heilung finden die es momentan noch unmöglich machen das Schwert gegen den Mann fallen zu lassen und wieder zu vertrauen. Dann können wir das Mann-Sein in uns beenden und wieder weich werden.

Sex wie ein Mann zu haben schwächt unsere weibliche Energie.

Schnell zum Höhepunkt kommen, funktionales Stimulieren unser Selbst ohne Herzöffnung bringt uns weg von unserer Weichheit. Da wo wir uns nur fallen lassen, wo wir Kontrolle haben lässt uns leer werden, da hören wir auf zu fließen. Da wo wir uns voller Vertrauen in uns selbst fallen lassen können stärken wir uns. Deshalb glaube ich auch nicht daran, dass Frauen dominant sind im Bett. Sie können es sein, wenn sie nicht aufhören damit  dann haben sie ein Problem zu nehmen und anzunehmen, sich fallen zu lassen, die Kontrolle aufzugeben.

Ich glaube wir können beides mal sein, doch sollten wir nicht in einer Rolle stecken bleiben die uns ein emanzipierter Kopf sagt.

Es kann als heilsam empfunden werden sich selbstbestimmt im Swinger Club auf jeden Schwanz zu setzen. Ja. Das gehört zur Reise dazu. Aber es sollte nicht dabei bleiben. Echte Nähe und Intimität erfahren wir nicht, wenn wir uns von irgendwem vögeln lassen. Nein. Und das sage ich nicht aus moralischen Gründen.

Wir stumpfen ab auf Dauer und tun uns weh, wenn wir nicht Frieden mit unserer Weiblichkeit finden und sie annehmen lernen in all ihrer weichen Macht. Aber das muss jeder für sich selbst erkennen. Nie waren die weiblichen Egos lauter und fordernder. Und nie waren wir innerlich so gespalten, so weit entfernt von echter Nähe und Begegnung zum Mann, wie jetzt.

Ich wünsche mir Heilung für das Weibliche in uns allen. Doch dazu bedarf es zuerst der Bewusst-Werdung, dass die weiblichen Qualitäten in uns verletzt sind und sich zurück gezogen haben.

Machen wir uns auf den Weg zur Heilung. Ein jeder auf seine Art.

Bis dahin.

Amanda Lears

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