Ach ne, Atze komm … Buchkritik an „Blauäugig – Mein Leben als Atze Schröder“

Atze Schröder hat eine Biografie geschrieben. Ich mag seinen Humor. Dieses prollig-daneben und dabei nicht dumm ist eine schöne Humorvariante und vielem überlegen, was so öffentlich geliefert wird.

Ich habe mir Atze immer gerne angeschaut und seine Bücher haben mich, … na wenn nicht verwundert, doch positiv überrascht. In „Und dann kam Ute“ und Co. sind auf Ebene zwei Weisheiten eingebaut. Fand und find ich schön.

Komik ist schwer und kein Komiker dieser Welt ist dumm. Nur sind manche dämlich, aber Atze zähle und zählte ich nie dazu.

Und nun habe ich beim Tapete-abziehen seine neu erschienene Biografie gehört und …

„Ach ne, Atze komm“, ist meine Reaktion.

Seine Lebensgeschichte und Karriere sind wahrlich spektakulär und interessant. Es lohnt sich zu lesen/hören. Es ist schön geschrieben, locker und leicht, Atze-like. Gut, man muss das mögen, aber dann …

Aber dann, genau, da kommt der Haken, das DANN … Eine Biographie, auch wenn sie locker geschrieben ist, soll ja auch immer Reflektion sein. Eine Betrachtung und Retrospektive nach dem Motto: Was ist geschehen und warum und warum so? Das ist das Interessante an Biographischem, aber genau das wird nur angekratzt.

„Ach ne, Atze komm“, sage ich, da ich ihm mehr zugetraut hätte. Er ist blitzgescheit, da ginge mehr. Schade. Es bleibt ein flockig geschriebener Schulaufsatz, eine Erzählung, wie alles war und die elende Floskel „und dann“, wird nur stilistisch gut verpackt.

Ja, er kratzt seinen Hintergrund an, seine Eltern, wie die waren, was das in ihm formte, aber nur an äußerster Oberfläche. Darf man von einem Komiker mehr erwarten? Ja, darf man, da Komiker immer, immer, immer tiefgründige Seelen sind. Da wagt Atze sich aber nicht hin. Sehr wenig Mut ist das für eine Biografie, oder es ist unverstanden von ihm, was ich kaum glauben kann.

Die wichtigste Erkenntnis, die man destillieren kann aus Atzes Persönlichkeit wird nur wie nebenbei erwähnt: Harmoniebedürftig – Er schreibt/spricht es aus, aber das ist – so darf man vermuten – der Kern seiner Persönlichkeit und dass man es „vermuten muss“, macht die Biografie so dürftig.

Es ist interessant zu hören, wie hilflos er im Alltag war, wie sehr an die Mutter gebunden, mit Mitte zwanzig erst zuhause ausgezogen, aber selbst das muss man als Leser aus den Zeilen destillieren. Was macht das denn? Was hat das mit Atze gemacht und wie hat das Atze gemacht?

„Ach ne, Atze komm“, winke ich ab. Es ist zu flach, zu wenig – und ich meine nicht seinen Humor. Er hat die Destillation nicht gewagt. Zu vermuten ist, die Harmoniesucht ist das Problem. Mir als Zuhörer war es beinahe peinlich, wie er fast alle wichtigen Figuren seiner Karriere überbordend lobpreist. Alle? Fast Alle? Echt jetzt? Und nicht nur Personen, auch dem Zeitgeist biedert er sich an in einem Ausmaß, dass es wehtut. Schon im Intro. Ich habe nicht mitgezählt, aber beinahe kein gesellschaftliches Thema wurde nicht mainstreamig erwähnt und alle die anders denken gleichzeitig verhöhnt.  

Man darf ja mainstreamige Gedanken haben, aber stromlinienförmig durch jedes Thema, Plattitüden wiederkäuend? Ne, das ist zu flach, zu wenig. Peinlich. Ein Komiker muss kein Hofnarr sein, der selbst und unabhängig denkt jeden Tag und frei spricht, wie es Narren zu Füßen des Fürsten durften. Muss nicht, aber ein wenig Kontur muss schon sein. Zu oft drängt sich mir der Gedanke auf: Er stellt sich gut mit allen, da er sie (für die zukünftige Karriere) noch braucht? Ist das so? So wenig Mut? Oder doch Harmoniesucht?

Nein, „Atze komm“, bleib weg. Im Kalauer-Raushauen bist du 1a, aber als Person … Schreib noch eine Biografie, wenn du erwachsen bist und verstehst, was dich treibt.

Ein Kommentar zu “Ach ne, Atze komm … Buchkritik an „Blauäugig – Mein Leben als Atze Schröder“

  1. Ich liebe Atze. „Und dann kam Ute“ kann ich immer wieder hören. Meine Güte ist das lustig und unterhaltsam! Was ich an ihm mag, ist das Echte, das Schlaue, der platte Humor und dahinter ganz viel Wahrheit. Das mag ich an ihm. Und das Problem, da gebe ich dir recht, (und so ist es heute schaut man in die Medienlandschaft) sind die Gefälligkeiten. Die Menschen verbiegen sich, wollen anders, wollen ausscheren und den Bogen dann wieder schließen, halten die ao aufgebaute Andersartigkeit gar nicht aus, da sie scheinbar trennt, unbeliebt macht, aneckt, und rudern zurück. Aus falsch verstandener Rücksicht, political correctness, aus falsch verstandener Echtheit heraus und man bemerkt, und das finde ich gut beschrieben: So echt, wie er vorgibt ist er nicht. Es bleibt Oberfläche, nur nicht zu tief reingehen, denn dann trennt sich das was Menschen unterscheidet, wenn sie sich zeigen. Die Individualität eines jeden lässt sich nicht platt labern. Aber um populär zu bleiben, versucht man die Quadratur des Kreises. Ist bei Veit Lindau ähnlich, obwohl anderes Metier, derselbe Effekt. Ich schätze hier und da seine Impulse, will man tiefer, fragt man nach, guckt dahinter: Heiße Luft. Viel Getöse um nichts. Worthülsen und Schöngeisterei ohne wirklichen Inhalt, ohne Pragmatismus. Eierlegende Weisheitssäue mit Buddha-Spruch-Abreißkalender in der Küche. Ein Zeitgeist-Phänomen.

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